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Schwarmintelligenz in Unternehmen

FÜHRUNG IN DER PRAXIS

Die meisten Unternehmen und Organisationen sind hierarchisch aufgebaut. Ihre innere Struktur wird in einem Organigramm dargestellt, einem Diagramm, das den Organisationsaufbau schematisch abbildet.

Das ist oft eine Pyramidenstruktur: Die Führungskräfte sind oben in der Spitze platziert, weitere Mitarbeiter – je nach Stellung und Gehaltsstufe – gliedern sich weiter unten ein. Das heißt, in zweiter Ebene kommen die Abteilungsleiter, weiter unten die restlichen Mitarbeiter. Hierarchische Stufen der Mitarbeiter, deren Zuständigkeiten und Informationsfluss werden stark vereinfacht auf einem Plan sichtbar gemacht.

Das Organigramm wurde vor allem für das Militär erfunden und zur strategische Kampfführung genutzt. Befehlshaber konnten über diese hierarchische Struktur eine große Anzahl an Menschen bzw. Soldaten und Befehlsempfänger schnell informieren, steuern und kontrollieren. Der Informationsfluss war Top-Down: Was der Anführer befahl wurde linear nach unten weitergegeben. Dialog war nicht vorgesehen. Es herrschte das klare Prinzip von Befehl und Gehorsam.

In Unternehmen sind wir allerdings nicht im Krieg. Zumindest ist dies nicht wünschenswert, auch wenn es vielleicht in manchen Unternehmen den Anschein hat. Das Prinzip Befehl und Gehorsam hat ausgedient und funktioniert auch nicht mehr in einer modernen Führungskultur. Mitarbeiter von Unternehmen sind mündige Arbeitnehmer und wollen mitbestimmen, auch Verantwortung mittragen, egal an welcher Stelle im Organisationsplan sie sich eingliedern. Gerade bei Mitarbeitern aus jüngeren Generationen, der sogenannten Generation Y und Z, zeigt sich ein starkes Bedürfnis zur Mitsprache und Mitgestaltung.

RUDELFÜHRER ODER SCHWÄRMER

Dennoch gehen viele Unternehmen nach wie vor davon aus, dass es die Vorgesetzten seien, die im Notfall eingreifen und für Richtung sorgen. Das mag auch oft der Fall sein, vor allem jedoch Ausdruck eines Wunschdenkens. So ist es auch zu erklären, dass Organisationen über die Stelle von Vorgesetzten tatsächlich versuchen, Führung zu institutionalisieren. Der Soziologe Niklas Luhmann definierte Führung anders, nämlich als ein „diffuses soziales Geschehen“, das nicht so einfach durchorganisiert werden kann. Hierarchien definieren zwar, wer Einfluss nehmen „könnte“ und „dürfte“. Wer tatsächlich im Unternehmen Einfluss nimmt, lässt sich weder über ein Organigramm noch über einen sonstigen hierachischen Status regeln.

Wer schon mal in einem Unternehmen gearbeitet hat, weiß: Die Anweisungen von Führungskräften werden keineswegs immer fraglos anerkannt, sondern es wird von Fall zu Fall neu entschieden, welcher Einfluss sich durchsetzt. Ob jemand führt, wird dadurch erkennbar, dass zumindest einige dem Führungsimpuls dieser Person folgen und Dinge tun, die sie aus eigenem Antrieb nicht getan hätten. Der Impulsgeber muss nicht der Chef sein. Es kann irgendeine andere Person sein, deren Impuls stark genug ist, um andere zu mobilisieren.

EXKURS

Komplexe Organisationsstrukturen begegnen uns auch in der Natur. Dort bilden Tiere häufig Schwärme. Sie handeln und bewegen sich im Kollektiv. Viele stellen sich einen Schwarm als große, homogene Gruppe vor, die ein gemeinsames Ziel verfolgen. Doch betrachtet man Schwärme genau, so erkennt man: Schwärme sind heterogene Gruppen und die Einzelnen bei weitem nicht alle gleich.

Das erstaunliche bei Schwärmen ist: Im Gegensatz zum Rudel gibt es beim Schwarm kein leitendes Individuum. Bei der Beobachtung einer Ameisenkolonie entsteht schnell der Eindruck, dass alle zufällig, zumindest nicht in Übereinstimmung mit dem Rest der Kolonie, handeln. Jeder kümmert sich um sein eigenes Ding und achtet nicht darauf, was die anderen tun. Dennoch ist übergeordnet ein hochgradig koordiniertes und kollektives Verhalten erkennbar. Beispielsweise dann, wenn sie Ameisenstraßen bilden, um Futter zu transportieren. Im großen Kollektiv bilden sich je nach Aufgabe Untergruppen. So gibt es beispielsweise in einer Ameisenkolonie mit rund 1.000 Einzeltieren nur circa 10 Ameisen, deren Aufgabe es ist, aufzuräumen und Hindernisse aus dem Weg zu schaffen.

Im Schwarm finden sich Individuen zusammen und orientiert sich sehr stark an anderen in ihrem Umfeld, an ihren Schwarmnachbarn. Die perfekte Synchronisierung der Bewegung ist phänomenal – für den Beobachter ein ästhetisches Schauspiel, das einem Tanz gleicht. Den Schwarmmitgliedern sichert es das Leben.

Schwärme werden in der Natur aus verschiednen Gründen gebildet. Einer der wichtigsten Faktoren ist der Schutz vor Räubern. Für sie ist es wesentlich schwerer, einen Schwarm anzugreifen, als ein einzelnes Tier. Ein anderer Vorteil kann in der Nahrungssuche entstehen, indem die Schwarmmitglieder andere darüber informieren, wo Nahrung zu finden ist.

Der Schwarm bleibt zusammen, ohne dass es jemanden gäbe, der die Bewegungen der einzelnen koordiniert. Er bildet eine Einheit, die mehr ist, als die Masse der Individuen. Er muss permanent handeln. Der Schwarm muss auf neue Situationen reagieren und damit schnell Entscheidungen fällen. Zum Beispiel, ob er sich nach links oder rechts bewegen soll. Anders als im Rudel gibt es dabei kein Leittier, dem die übrigen folgen sollen. Alle Individuen sind gleich.

FÜHREN OHNE FÜHRUNG

Wie entscheidet der Schwarm dann, wenn keiner die Führung hat?
Der Schwarm organisiert sich selbst. Da es keine Führer gibt, die eine Entscheidung vorgeben, übernimmt der Schwarm die Entscheidung im Kollektiv.
Wie findet diese Entscheidung statt? Wenn man den Schwarm beobachtet, sieht es so aus, als würden alle gleichzeitig das gleiche tun. Allerdings entscheidet jedes Individuum im Schwarm für sich. Kein einziges Tier hat den Überblick über das Ganze. Aber aus den Entscheidungen der Einzeltiere heraus resultiert das Verhalten des ganzen Schwarms, welches wiederum für den Einzelnen lebenswichtig sein kann. Bei der Attacke eines Räubers hat ein Schwarmmitglied viel höhere Lebenschancen als ein Einzelvogel. Zusammenzubleiben ist entscheidend für den Schwarm und muss auch unter schweren Bedingungen funktionieren, zum Beispiel wenn sich Dichte oder Form des Schwarms verändern.

Welche Interaktion und welche Kommunikation ermöglicht diesen unglaublichen Zusammenhalt – das ist die zentrale Frage, mit der sich die Schwarmforschung befasst. Das Forschungsteam um Andrea Cavagna hat herausgefunden, dass jeder Vogel eine feste Anzahl von sechs bis sieben benachbarten Vögel gleichzeitig im Blick behält, egal wo sie sich im einzelnen befinden. Ob der Schwarm dichter ist, und die benachbarten Vögel somit sehr nah, oder ob die Vögel weit voneinander entfernt fliegen: Jeder Vogel hat stets Blickkontakt mit sechs bis sieben seiner Kollegen. Nicht der Abstand ist also entscheidet, sondern die Anzahl der Nachbarn, mit denen ein Vogel kommuniziert. Aus dem einfachen Verhalten der Einzeltiere entsteht das komplexe Verhalten des Schwarms. Damit kann er sich immer wieder neuen Situationen anpassen und auch komplizierte Organisationsprobleme lösen.

WER TRIFFT ENTSCHEIDUNGEN

Um herauszufinden, wie Entscheidungen getroffen werden, die von allen anderen getragen werden, setzte der Schwarmforscher Jens Krause von der Universität Leeds in seinen Experimenten einen Roboter-Fisch ein. Er wurde in einem Aquarium mit einem Elektromagneten gesteuert. Obwohl er sich eigenartig verhält, wurde er nach kurzer Zeit vom restlichen Schwarm als Schwarmmitglied akzeptiert. Ein lebender Fisch würde eine Richtungsentscheidung fällen, falls sie der Schwarm nicht akzeptier und ihm nicht folgt, würde er sich dem Schwarm wieder anschließen. Der Roboter-Fisch handelt anders: Er trifft seltsame Entscheidungen und „zieht sie knallhart durch“, so Jens Krause. Zum Beispiel versucht der Roboter-Fisch im Experiment den Schwarm vom Futter wegzulocken und verhält sich dabei ganz konsequent. Ihm gelingt es, den Schwarm zu beeinflussen. Andere Schwarmmitglieder folgen, weil sie davon ausgehen, dass das Individuum wichtige Informationen haben muss. Sein konsequentes Handeln hat einen extrem starken sozialen Einfluss auf den Rest.

WAS IST SCHWARMINTELLIGENZ?

Sobald der Schwarm eine gewisse Größe erreicht hat, ist die Einflussnahme des einzelnen nicht mehr gegeben. In einer Situation, wo ein Führerfisch eine schlechte Entscheidung für den Schwarm fällt, wird ihm der Schwarm nicht folgen. Es sei denn, weitere Fische würden dem Führer folgen, wäre dies für den Schwarm ein überzeugender Impuls.

Es braucht also einen bestimmten Prozentsatz an „Follower“, einen sogenannten sozialen Schwellenwert, dass aus einer Entscheidung eines Individuums eine kollektiven Handlung werden kann. Das ist eine Form der Schwarmintelligenz: Eine Intelligenz, die der einzelne nicht hat und die erst aus dem koordinierten Verhalten der Individuen entsteht.

WIE LÄSST SICH SCHWARMINTELLIGENZ AUF UNTERNEHMEN ÜBERTRAGEN?

Auch Unternehmen sind komplexe Systeme, die aus einer heterogenen Gruppe an Individuen besteht. Ähnlich einem Schwarm bilden die einzelnen Mitarbeiter ein Kollektiv. Der Unterschied zu einem Schwarm besteht darin, dass ihre Handlungen nicht als kollektives Verhalten aufeinander abgestimmt sind.

Während ein Schwarm beispielsweise ein gemeinsames Ziel verfolgt und von dessen Sinn überzeugt ist – Existenzsicherung und Arterhaltung – ist vielen Mitarbeitern von Unternehmen der gemeinsame Sinn unbekannt. Darin liegt das größte Problem. Möchte man das individuelle Verhalten aller Mitarbeiter in einem Unternehmen auf ein kollektives Verhalten abstimmen, so ist die Definition eines gemeinsamen Sinnes die Grundvoraussetzung. Erst darüber wird Schwarmintelligenz sichtbar und ein individuelles Handeln und Entscheiden aller Schwarmmitglieder möglich, das dem Gemeinwohl dient.

Gesprächstermine mit Stefanie Aufleger

Sie möchten gerne mehr darüber erfahren, wie Sie in Ihrem Unternehmen die Schwarmintelligenz nutzen können? Dann kontaktieren Sie uns. In einem persönlichen Gespräch mit Stefanie Aufleger können Sie für sich herausfinden, wie ihr Team zum Schwarm wird und welchen Mehrwert Schwarmintelligenz für Ihren Betrieb bietet.

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